LIEBESKUMMER MIT DEN MENSCHEN
Ein Rundgang über die Fachkonferenz „Nah dran“

Für viele Teilnehmende war es der emotionale Schlüsselmoment von Nah dran 2017: Als Markus Nierth, Theologe und bis vor zwei Jahren beliebter Gemeindebürgermeister von Tröglitz im südlichen Sachsen-Anhalt, auf dem Podium vom Kessel der Angst berichtete, in den er mit seiner Familie geraten war. 50 Asylbewerber sollten im Dorf untergebracht werden und Nierth hatte seine Mitbürgerinnen und -bürger gebeten, den Ankommenden eine „Chance“ zu geben. In der Folge wurde eine Unterkunft angezündet, es gab wochenlang Aufmärsche von Neonazis, Nierth und seine Familie erhielten nach Morddrohungen Polizeischutz. Das Schlimmste sei aber gewesen, dass sich so viele, die er auf seiner Seite wähnte, abgewendet hätten – insbesondere die Bessersituierten, Ärzte und Geschäftsleute. Bei den folgenden Landtagswahlen 2016 wählten über 40% in Tröglitz extrem rechts. Eine erschütternde Zahl. Wegziehen wollten die Nierths dennoch nicht, Tröglitz sei ihr Zuhause. Seine Frau habe gesagt: „Ich habe Liebeskummer mit den Menschen hier.“

Neue Realitäten

Wie viel Zivilcourage, wie viel Mut und Standfestigkeit traut sich jede und jeder Einzelne zu, und wie viel Enttäuschung mag man ertragen? Und wie wollen wir in Zukunft miteinander leben, wenn die politischen Gräben offenbar immer tiefer werden? Nur an wenigen Orten wurde so rechts gewählt wie in Tröglitz, doch spiegelt die Zahl eine neue Realität in Deutschland, die für die meisten Besucherinnen und Besucher der Fachkonferenz bis vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen ist. Ein Phänomen von den östlichen Rändern der Republik, wo die Enttäuschten und Frustrierten verharren, alle anderen aber längst gegangen sind? Von wegen. Dass das Bundesprogramm Zusammenhalt durch Teilhabe neuerdings demokratische Initiativen im gesamten Land fördert, ihre Strukturen stärkt und Demokratietrainer ausbildet, ist die logische Konsequenz.

Nah dran zeigt sich als Marktplatz vieler Angebote und Möglichkeiten. Einige Verbände und Institutionen haben ihre Infostände auf den Galerien im großen Saal aufgebaut. „Wann hatten Sie Ihre letzte Demokratieerfahrung?“, fragt ein Akteur der Deutschen Sportjugend und erklärt in das Staunen seines Gegenübers hinein, dass in seinem Klientel kaum jemand wüsste, was das überhaupt sei, Demokratie. Eine Fußnote im Unterrichtsfach Powi, einmal angewandt bei Klassensprecherwahlen und dann lange nicht mehr gefragt. Selbst der Kapitän des Fußballteams wird meist vom Trainer bestimmt und nicht gewählt. „Da ist viel aufzuholen“, erklärt der DSJ-Mann. Ein paar Meter weiter lädt der Feuerwehrverband zur Abstimmung. Ist die Feuerwehr anfällig für extremistische Strömungen? Das Votum ist allen sichtbar, die grünen Bälle in der Glasröhre für „Ja“ überwiegen deutlich. Nur, was folgt daraus, da die Feuerwehren ohnehin allerorts mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen haben? Ein Gesinnungstest zur Wehrtauglichkeit? Auf jede Frage folgen zwei neue.

Motivierende Projekte

Beim Rundgang wird offenkundig, dass sich das Bundesprogramm, zusammen mit den vielen hier vertretenen Organisationen, einer Herkulesaufgabe gestellt hat. Zugleich aber auch, dass Ermutigung eine erklärte Kernaufgabe der Fachkonferenz ist – mit zum Teil hoch motivierenden Ergebnissen. Sehr zu Recht nahm der Dokumentarfilm „Von Bananenbäumen träumen“ der Regisseurin Antje Hubert einen großen Teil des Abendprogramms ein. Sie erzählt von einer Dorfgemeinschaft in Nordseenähe, der es gelungen ist, mit einem sehr mutigen Geschäftsmodell dem Zerfall der kommunalen Infrastruktur zu begegnen. Existenzgründung vs. Landflucht. Beim Frühstück am nächsten Morgen seufzte ein Tagungsteilnehmer aus Märkisch-Oberland: „Sowas könnten wir auch gebrauchen.“

Um herauszufinden, wie bzw. ob das möglich werden kann, war der Mann schon am richtigen Ort. Nah dran bedeutet vor allem anderen: Menschen kennenlernen, austauschen, Netzwerke knüpfen. Davon wurde nun schon zum sechsten Mal Gebrauch gemacht – diesmal mit der nahezu doppelten Anzahl an Multiplikatoren. Gelingende Kommunikation war das zentrale Motiv der Veranstaltung. Schon zur Begrüßung sortierten sich die Teilnehmenden auf Grundlage ihrer persönlichen Selbsteinschätzung in Typengruppen wie „Gummibärchenesser*in“, „Ganzjahresradfahrer*in“ oder „Workshop-Hopper*in“. Man suchte und fand sich, machte Selfies und Gruppenbilder. Und sehr viele folgten der Einladung dreier Schauspieler*innen vom Staatstheater Kassel, zur Einstimmung gemeinsam ein Lied zu singen: „Wenn ein Mensch lebt.“ Übereinstimmung herrschte grundsätzlich bei den meisten Themen, das stellte sich auch beim Abschlussplenum heraus. „Wir sind nicht gefeit dagegen, in einen Absolutheitsanspruch zu rutschen“, meinte ein Teilnehmer, und eine Kollegin vermisste die Kontroverse in den Debatten: „Demokratie ist doch auch Widerspruch!“ Der lauert dann nicht im Saal, aber wohl gleich draußen vor der Tür.

Der Philosoph und Demokratie-Optimist Jürgen Wiebicke, als Keynote-Redner zur Konferenz geladen (siehe weiteren Artikel), fand auf dem Podium übrigens ermutigende Worte für Markus Nierth: „Sie haben unglaublich viel in Bewegung gesetzt“, sagte er unter dem Beifall der Besucher. „Vielleicht nicht an Ihrem Ort. Aber an sehr vielen anderen Orten.“

 

 

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